Initiative Neuevangelisation
Initiative Neuevangelisation in der katholisch-charismatischen Erneuerung
Inhalt
Brauchen wir die Sonntagsschule wieder?
Aktualisierung:
03.02.2012

 

Machen Sie einmal die Probe aufs Exempel: Fragen Sie einen Zehn- oder Zwölfjährigen, welche Gebote er kennt? Bestenfalls wird er drei oder vier nennen. Die wichtigen ersten drei Gebote sind in aller Regel nicht dabei. Oder fragen Sie einen bereits Gefirmten, was wir an Pfingsten feiern. Nur sehr selten werden Sie die richtige Antwort bekommen. Ähnlich steht es mit der Frage nach den Sakramenten. Manche werden den Ausdruck gar nicht kennen. Andere können – mit Nachhilfe – vielleicht einige wenige nennen. In der Regel aber ist das Sakrament der Beichte nicht dabei.
 
Als Pfarrer habe ich mit jedem, der sich bei mir persönlich zur Firmung angemeldet hat, ein Gespräch geführt, um ihn in etwa kennenzulernen. Zweimal habe ich folgendes erlebt: Auf meine Bitte hin, mir doch irgendein Ereignis aus dem Leben Jesu zu nennen, haben zwei Jugendlichen erklärt, dass sie nichts wüssten. Nach mehreren Hilfen – u.a. mit Verweis auf unsere Festtage – erhielt ich schließlich zweimal gleiche die Antwort, nämlich, dass Jesus an Weihnachten gestorben sei.
 
Nachdem ich oft und oft – auch bei Ministranten – die Erfahrung gemacht habe, wie lückenhaft das religiöse Wissen unserer Kinder und Jugendlichen ist, drängt sich mir der Gedanke auf: Der Religionsunterricht führt unsere jungen Menschen nicht mehr in den Glauben ein, so dass sie darin heimisch würden. Schon die Würzburger Synode aus de Jahren 1971 - 75 hat seinerzeit beschlossen, dass die Kinder über den Glauben nur noch „informiert“ werden sollen. Den Gedanken an eine wirkliche Katechese hatte man also damals schon aufgegeben. Inzwischen hat sich der Religionsunterricht aber weitgehend zu einem „Religionskunde-Unterricht“ entwickelt, der die verschiedenen Religionen behandelt, und hier heute besonders den Islam. So kann es vorkommen, dass manche Kinder die fünf Säulen des Islam besser kennen als die sieben Sakramente. Auf diese Weise ist es nicht verwunderlich, dass ein Schülerjahrgang nach dem anderen ins Leben tritt, ohne den Glauben wirklich zu kennen, geschweige denn ihn zu lieben und aus ihm zu leben. Die Folge sind die heute weithin leeren Kinderbänke in unseren Kirchen, die sich nur gelegentlich halbwegs füllen, wenn alle vier oder sechs Wochen einmal ein „Familiegottesdienst“ stattfindet.
 
Wenn man nach den Ursachen dieser bedauerlichen Entwicklung fragt, so stößt man auf verschiedene Faktoren. Ohne den Gutwilligen und Bemühten unter den Religionslehrern Unrecht tun zu wollen, muss man ehrlicherweise zugeben: Ein Teil der Lehrkräfte im RU hat sich innerlich von der Kirche distanziert. Viele von ihnen können sich mit der Kirche nicht mehr identifizieren. Sie haben für sich am Glauben der Kirche persönlich Abstriche gemacht und hängen oft sehr fragwürdigen theologischen Ansichten an. So ist es nicht verwunderlich, dass sie den Gottesdienst z.T. nur noch selten oder auch gar nicht mehr besuchen. Auch leben Jüngere nicht selten mit Freund oder Freundin unverheiratet zusammen. Wenn man all dies in Rechnung stellt, dann ist es verständlich, dass dieser Personenkreis im Unterricht den katholischen Glauben nicht mehr in der nötigen Intensität vermitteln kann. Man kann ja nur das weitergeben, was man selbst lebt.
 
Es gibt aber unter den Religionslehrern auch noch eine zweite Gruppe, die persönlich am Glauben festhält und ihr Bestes tut, um ihre Schüler und Schülerinnen für den katholischen Glauben zu gewinnen. Diese Lehrkräfte haben unter ihren Kollegen und Kolleginnen oft keinen ganz leichten Stand. Weit folgenreicher aber ist, dass sie nicht selten vor einer nahezu unüberwindlichen Abwehrwand stehen, insbesondere bei den älteren Schülern. Ich selbst habe z.B. folgende Szene erlebt: Nachdem ich in einer achten Klasse der Hauptschule das Neue Testament ausgeteilt hatte, steht eine Schülerin auf und sagt: „Herr Diakon, ich will ihnen mal etwas sagen: Wir sind jetzt acht Jahre in dieser Schule. Uns hat niemand gläubig gemacht, und ihnen gelingt das auch nicht.“ Wenn diese Schülerin nicht nur für sich selbst, sondern für die Mehrheit der Klasse spricht, dann hat auch der gutwilligste Religionslehrer einen schweren Stand.
 
Ich habe diese und ähnliche Szenen seinerzeit dem heutigen Papst erzählt, der damals unser Erzbischof war. Ich sagte zu ihm: „Herr Kardinal, mir tun in jeder Klasse die fünf Kinder leid, mit denen noch etwas anzufangen wäre. Aber die übrigen zwanzig machen es einfach unmöglich.“ Weiter schlug ich ihm vor, dass wir – ähnlich wie in der damaligen DDR - eine freiwillige außerschulische religiöse Unterweisung einführen sollten, damit wenigstens ein Teil der Kinder noch gläubig heranwachsen könnte. Diesen Vorschlag machte ich u.a. deshalb, weil ich bei Besuchen in der DDR sah, dass die Kinder meiner dortigen Verwandten im Glauben viel besser Bescheid wussten als meine eigenen hier im Westen. Seit diesem Gespräch sind inzwischen viele Jahre vergangen. Und seitdem sind weiterhin viele Jugendliche ohne fundiertes Glaubenswissen und ohne eine persönliche Bekehrung ins Leben getreten. Sie sind inzwischen häufig selbst schon junge Väter und Mütter, die mit ihren Kindern sonntags nicht mehr den Gottesdienst besuchen und auch nicht mehr mit ihnen beten.
 
Als ich Jahre später selbst noch Pfarrer geworden bin, hatte ich die Möglichkeit, die Kinder meiner Pfarrei im Religionsunterricht selbst auf die Erstkommunion vorzubereiten. Wenn dann das Schuljahr zu Ende ging, sagte ich ihnen, dass sie im nächsten Jahr einen anderen Religionslehrer bekommen würden. Da gab es immer ein großes Bedauern: „Warum kommen sie denn nicht mehr?“ Ich sagte dann: „Von jetzt ab könnt ihr zu mir kommen. Jeden Dienstag um 3 Uhr ist im Pfarrheim Glaubensstunde, und ihr alle seid herzlich dazu eingeladen.“ Daraufhin kam dann jeweils etwa ein Drittel der Klasse zu diesen Glaubensstunden und machten interessiert mit, so dass sie im Laufe der Zeit ein gediegenes Glaubenswissen vorweisen konnten. Diese Glaubensstunden konnte ich über mehrere Jahre fortführen.
 
Deshalb möchte ich vorschlagen: Wir sollten – wo immer es möglich ist – auch in Deutschland wieder eine außerschulische Glaubensunterweisung einführen. In vielen Ländern ist dies sowieso selbstverständlich, z.B. in den USA. Freilich kann man bei unserem heutigen Priestermangel diese Aufgabe nicht den immer weniger werdenden Pfarrern und Kaplänen übertragen. Es wäre m. E. aber ein anderer Weg denkbar: Es gibt bei uns eine Vielzahl geistlicher Bewegungen und Neuaufbrüche. Unter den Mitgliedern dieser Gruppen - aber auch unter den anderen tiefgläubigen Gemeindegliedern - sind viele bereit, unentgeltlich und in ihrer Freizeit eine solche Aufgabe zu übernehmen. Die Betreffenden hätten auch selbst einen großen Gewinn davon, denn bekanntlich vertieft nichts den eigenen Glauben mehr, als wenn man ihn weitergibt.
 
Es wäre m. E. verfehlt, so etwas von heute auf morgen überstürzt und flächendeckend einführen zu wollen. Vielmehr sollte es hier ein allmähliches Wachstum geben, etwa indem man an einzelnen Orten mit solchen Glaubensstunden beginnt, also dort, wo die Voraussetzungen besonders günstig sind. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der zuständige Bischof zunächst eine geeignete Person sucht, die selbst aus einer der neuen geistlichen Bewegungen stammt und gute Kontakte zu anderen derartigen Gemeinschaften hat. Wichtig ist, dass der- oder diejenige selbst darauf brennt, den Glauben unter den Kindern und Jugendlichen auszubreiten und ein solches Werk aufzubauen. Wer diese Aufgabe übernimmt, sollte deshalb zunächst Kontakt zu den einzelnen Gemeinschaften aufnehmen, um Leute zu gewinnen, die bereit sind, gewissermaßen als „Sonntagsschullehrer“ diese Arbeit zu beginnen.
 
Um diese Mitarbeiter anzuleiten und zu begleiten, steht bereits jetzt ein hervorragendes Hilfsmittel zur Verfügung. Es ist die Reihe „Glauben und Leben“, die über den MM-Verlag in Aachen zu beziehen ist. Sie wurde von Weihbischof Laun, Salzburg, herausgegeben. Hier sind inzwischen die Jahrgänge eins bis sieben erschienen. Die Reihe stammt ursprünglich aus USA und wurde von Weihbischof Laun für den deutschen Sprachraum bearbeitet. Da in den Staaten das „Home-Schooling“ erlaubt ist – also Eltern ihre Kinder auch zu Hause schulisch unterrichten dürfen – war diese Reihe für die häusliche katholische Glaubensunterweisung gedacht. Ohne zu übertreiben kann man sagen: Hier liegt seit Jahren zum ersten Mal wieder ein Buch für die religiöse Unterweisung der jungen Generation vor, das man uneingeschränkt empfehlen kann, weil es den authentischen katholischen Glauben ohne Abstriche und Verfälschungen auf eine moderne Weise wiedergibt. Für jeden Jahrgang sind drei verschiedene Bücher erschienen: Das eigentliche, gut bebilderte Lehrbuch; dann ein ideenreiches Arbeitsheft für die Hand der Kinder, mit dessen Hilfe sie das Gelernte wiederholen und vertiefen können; schließlich noch ein didaktisches Buch, dass dem Unterrichtenden zeigt, wie er mit diesen Büchern arbeiten kann. Mit Hilfe dieser Arbeitsmittel sollte es nicht schwierig sein, die zukünftigen „Sonntagsschullehrer“ auf ihre Arbeit vorzubereiten und sie bei den ersten Schritten zu begleiten.
 
Abschließende noch ein Wort zum Prinzip der „Ehrenamtlichkeit“ der vor Ort tätigen „Sonntagsschullehrer“. Das Gelingen dieses Unternehmens steht und fällt mit der missionarischen Einstellung und der tiefen Gläubigkeit der hier Tätigen. Hier sind Menschen nötig, die vom Heiligen Geist erfüllt, darauf brennen, junge Menschen in die Fülle und Schönheit des katholischen Glaubens einzuführen. Hauptamtliche, die nur „teilidentifiziert“ sind, sind hier fehl am Platz. Wenn aber hauptamtlich Tätige bereit sind, in ihrer Freizeit diese Arbeit zu tun, dann steht dem sicher nichts im Weg. Der brennende Wunsch, Kinder und Jugendliche für das zeitliche und ewige Heil in Jesus Christus zu gewinnen, sollte die ausschließliche Motivation für diese Tätigkeit sein.
 
Dr. Hansmartin Lochner

 

© 2009 by Dr. Hansmartin Lochner letzte Aktualisierung der Webseite: 03.02.2012