1. Aufbruch im Umbruch
"Wir sind Missionsland geworden". Diese Diagnose, die Alfred Delp
schon 1941 hellsichtig in Fulda formuliert hat, ist inzwischen
bittere Realität geworden, im Osten spürbarer noch als im Westen.
Das Christentum ist zwischen Berlin und München, zwischen Köln und
Dresden zwar kulturell weiterhin präsent, aber bei vielen nicht mehr
im Herzen lebendig. Wir sind dabei, unser kostbarstes Erbe zu
verschleudern: Gott zu kennen, wie Jesus Christus ihn uns bekannt
gemacht hat. Das ist kein Grund zum Jammern, aber auch kein Anlass,
selbstgenügsam einfach weiterzumachen. Schönreden hilft nicht,
Schwarzmalen schon gar nicht. Die Lage ist durchaus nicht überall
gleich. Vielerorts in der Welt ist die katholische Kirche eine
jugendliche Aufbruchsbewegung. Wir leben in einer Zeit, in der sie
erstmals wirklich Weltkirche wird. Gleichwohl, die Umbrüche und
Einschnitte hierzulande gehen ins Mark, jede Gemeinde bekommt sie
schmerzlich zu spüren. Am Grabe des heiligen Bonifatius versammelt
und seines 1250. Todestages gedenkend haben wir ein Dokument zur
Weltmission verabschiedet, das wir Ihrer Aufmerksamkeit sehr
empfehlen. In diesem Brief möchten wir Ihnen gerafft und
nachdrücklich unsere Mission heute ans Herz legen.
Umbruchszeiten sind Gnadenzeiten. Sie bedeuten Abschied und
Aufbruch, Trauerarbeit und Lust zur Innovation. Gott selbst ist es,
der unsere Verhältnisse gründlich aufmischt, um uns auf Neuland zu
locken wie Abraham, wie Mose, wie Bonifatius. Ja, wir haben eine
Mission in unserem Land und weltweit. Darin sind wir unvertretbar.
Haben wir doch mit dem Evangelium eine Botschaft, für die es in
dieser Welt keine bessere Alternative gibt. Sie fordert uns heraus,
selbst neu auf sie zu hören und sie in ihrer befreienden Kraft in
das Gespräch mit unseren Zeitgenossen, mit den anderen Religionen
und Völkern einzubringen. Wir sehen uns dadurch ermutigt, dass so
viele von Ihnen ? Jugendliche und Ältere, Frauen und Männer ? die
gegenwärtigen Veränderungen in Gesellschaft und Kirche als Chance
begreifen, den Glauben tiefer zu entdecken und entschiedener zu
leben. Mit Ihnen zusammen tragen wir Verantwortung, unserer Kirche
eine Gestalt zu geben, in der das Evangelium aufleuchten und die
Nachfolge Jesu in Freude und Zuversicht gelebt werden kann.
2. Evangelisierung der Kirche
Mission? Wenn wir ehrlich sind, denken viele: "Ja, wir selbst werden
schon noch katholisch bleiben. Aber andere für den Glauben gewinnen?
Nein ? das sitzt heute einfach nicht mehr drin. Es gelingt uns ja
oft in der eigenen Familie nicht, bei den Kindern oder Enkeln den
Glauben wach zu halten." Und nicht nur junge Leute fügen hinzu: "Die
Kirche ist selbst daran schuld, dass sich viele von ihr abwenden.
Sie ist viel zu starr und festgelegt auf alte Verhaltensmuster."
Wir sind gut beraten, wenn wir solche kritischen Stimmen nicht
abwiegeln. Auch die haben uns etwas zu sagen, die der Kirche fern
stehen. Manche von ihnen leiden bis heute an Wunden, die ihnen eine
bisweilen angstbesetzte Seelsorge zugefügt haben. Wer das Christsein
wie eine schwere Last mit sich herumschleppt, wird kaum jemanden
davon überzeugen können, dass das Evangelium befreiend wirkt. Wir
müssen ohne Wenn und Aber eingestehen, dass die Kirche in unseren
Breiten wenig Faszination ausübt. Der Betrieb läuft - aber ohne
Ausstrahlung! Die schleichende Säkularisierung von innen, die
unbemerkt mit rastloser Arbeit einhergehen kann, geht an die
Substanz und ist viel gefährlicher für den Glauben als der Verlust
gesellschaftlicher Positionen. Sie raubt uns die Überzeugung, dass
wir eine Mission haben, die Mission, das Evangelium vom Reiche
Gottes unter die Leute zu bringen, Menschen für den Glauben an Jesus
Christus zu begeistern.
Was tun? Die schärfsten Anfechtungen kommen von innen, nicht von
außen. Darum kann die Erneuerung nur von innen ausgehen. Manchmal
sitzen wir an einem Problem und blicken nicht durch. Und auf einmal
kommt die zündende Idee: "Da geht mir ein Licht auf!" Wenn das
geschieht, dann erhellt sich unser Gesicht, wir strahlen. Wenn uns
Christus als das Licht der Welt wirklich einleuchtet, dann strahlen
wir aus: Menschen mit Ausstrahlung! So geschieht Mission. Sie
geschieht nicht, indem wir Werbekolonnen anheuern oder Berge von
Papier unters Volk bringen, im Letzten auch nicht über die Medien.
Das Medium der Ausstrahlung Gottes sind wir selbst.
Viele Zeitgenossen, gerade oft nachdenkliche und geistlich hungrige,
suchen den Zugang zum christlichen Glauben. Es gibt ja nicht nur
diejenigen, die sich der Kirche entfremden und schließlich ihren
Austritt erklären. Nicht wenige fragen nach dem Eingang in den
Glauben und in die Kirche. Wen treffen sie im Eingangsbereich?
Leute, die mit dicken Akten von Sitzung zu Sitzung hasten, die
Termin um Termin wahrnehmen und schließlich außer Terminen nichts
mehr wahrnehmen, die alles gelernt haben, ? nur nicht, wie man ein
geistlicher Mensch wird und wie man es bleibt?! Das aber ist die
Voraussetzung unserer Mission. Also haben wir nicht nur zu
evangelisieren, wir selbst sind gerufen, uns evangelisieren zu
lassen. Missionarische Seelsorge bedeutet nicht, dass der Betrieb
auf Hochtouren läuft. Sie lebt von der geistlichen Grundhaltung, von
der Gegenwart Gottes mitten in unserem Leben. Die zündet.
3. Der Mission ein Gesicht geben
Wir schreiben Ihnen diesen Brief vom Grab des heiligen Bonifatius,
dem Apostel der Deutschen. 1250 Jahre sind seit seinem Tod
vergangen. In einer Zeit tief greifender Umbrüche kam er aus dem
Ausland zur Missionierung unseres Landes. Als Mönch hatte er sich
das "Bete und arbeite" zu eigen gemacht. Seine Mission war geistlich
gegründet. Ein Freund sagte nach seiner Ermordung: Er hat viele Orte
betreten, die vor ihm noch kein Christenmensch betreten hatte. Wagen
wir uns heute mit dem Evangelium in kirchenfremde Räume? Bonifatius
arbeitete nicht auf eigene Faust. Er wirkte zusammen mit Frauen und
Männern vor allem aus seiner englischen Heimatkirche, er suchte
immer neu die Einheit mit dem Papst. Er hatte die Kraft und den Mut,
die Geister seiner Zeit zu unterscheiden. Er wusste, dass nicht
alles, was sich religiös nennt und gibt, den Verheißungen des
Evangeliums standhält. Anfechtungen und Selbstzweifel sind ihm nicht
erspart geblieben. Bonifatius ist eine Gründerfigur, die unser
Schwanken zwischen Hoffen und Bangen, zwischen mutigem Aufbruch und
resignativer Ermüdung aus eigener Erfahrung kennt und beispielhaft
beantwortet hat.
Das Geheimnis unserer Mission liegt in einem überzeugenden
christlichen Lebens. Die Lebensgestaltung aus der Kraft des Geistes
Gottes ist der nachhaltigste missionarische Dienst: Der
Religionslehrer, der nicht nur vom Glauben redet, sondern ihn
authentisch lebt; die Caritasmitarbeiterin, die der Liebe Christi
ihr eigenes Gesicht gibt; die Eltern, die mit ihrem Kind abends an
der Bettkante beten; die Familie, die ihren bettlägerigen Vater zu
Hause pflegt; ? sie alle sind lebendiges Evangelium und strahlen
aus. Unsere nichtchristlichen Zeitgenossen erwarten keine frommen
Ansprachen. Sie sind der großen Worte müde. Gefragt ist ein
glaubwürdiges, persönliches Wort von Mensch zu Mensch: Woraus lebe
ich? Was lässt mich glauben und hoffen? Warum bin ich Christ, warum
bleibe ich es? Dort, wo ein Christ jemanden in sein Leben, in sein
Herz schauen lässt, da geschehen auch heute Wunder. Christen, die
mitten im Lebensalltag geistliches Profil zeigen ? unaufdringlich,
aber erkennbar; selbstbewusst, aber demütig - lassen auch heute
aufhorchen. Wir dürfen dem Evangelium unser Gesicht geben. Sieht man
uns an, dass der Weg des Glaubens das Leben nicht verdirbt und
verkümmern lässt, sondern freisetzt und reich macht? Sind wir des
Glaubens so froh, dass es uns drängt, ihn weiterzusagen ? wie wenn
wir jemandem einen wichtigen Tipp zum Leben geben? Sind unsere
Gemeinden Lernorte des Christwerdens?
4. Unsere Weltmission
Jesu Botschaft vom Reich Gottes gilt allen Menschen. Die Kirche ist
Instrument und Sakrament der Einheit aller Menschen mit Gott und
untereinander (vgl. LG 1). Das ist ihr Auftrag und ihre Chance. Sie
ist kein Nischenanbieter auf dem Markt religiöser Sinnangebote.
Leider ist weithin der Eindruck entstanden, sie sei nur mehr eine
Veranstaltung für Kirchenleute, ein Interessenverein, der verwaltet,
was er hat und der im Wesentlichen um seine Selbsterhaltung bemüht
ist. Das aber wäre ihr Tod. Wir dürfen unsere besten Kräfte und
Hoffnungsenergien doch nicht in kircheninterne Strukturdebatten
verpulvern. Sie wollen zur Welt kommen. Wir schulden der Welt das
Evangelium vom Reich Gottes, nicht mehr und nicht weniger. Das ist
unsere Welt-Mission.
In unserer Gesellschaft ist Religion zur Privatsache geworden -
leider! Das Evangelium ist kein beliebiger Diskussionsbeitrag,
sondern Ruf in die Freiheit der Söhne und Töchter Gottes. Die Kunst
des missionarischen Handelns besteht darin, von Herzen zum Glauben
einzuladen und dabei nicht zu unterschlagen, dass es um Heil und
Unheil geht, um die Zukunft der Welt. Müssen sich denn heute nur die
rechtfertigen, die glauben? Welcher Schaden entsteht dort, wo man
ohne Gott auszukommen meint? Man muss auch das "ohne Gott"
verantworten, mit allen Konsequenzen für die Zukunft unserer
Gesellschaft.
Was wir in Deutschland Bonifatius und mit ihm vielen anderen
verdanken, das geschieht heute weltweit. Der christliche Glaube hat
das Gesicht der Welt verändert, und wir können gar nicht dankbar
genug dafür sein. Wir dürfen in einer Zeit leben, in der Weltkirche
wächst, nicht nur räumlich. Über Jahrhunderte hin sind
Missionarinnen und Missionare aus Europa in alle Welt aufgebrochen.
Das wird hoffentlich nicht abbrechen. Längst aber ist der
missionarische Austausch wechselseitig. Wir in Europa haben viel von
den Mitchristen und Ortskirchen anderer Kontinente und Völker zu
lernen. Priester, Ordensschwestern und Laien von dort leben und
arbeiten bei uns. Durch unsere Hilfswerke arbeiten Christen aller
Erdteile wie selbstverständlich zusammen. Am Weltmissionssonntag
heute danken wir vor allem unseren beiden Missionswerken in Aachen
und München. "Missionarisch leben ? Begegnung wagen", so lautet das
Leitwort dieses Sonntags. Wie viel ist da noch zu tun! Wie sehr
bedarf es der gemeinsamen Anstrengung aller Ortskirchen und aller
Christen, damit durch uns das Evangelium ausstrahlt zu denen, die es
noch nicht oder nicht mehr kennen. Die Weltmission braucht nicht nur
deutsche Kollektengelder ? die auch! ? sie braucht vor allem unseren
überzeugenden Glauben und unser Gebet. Sie braucht die Erfahrung,
dass die Kirche in Deutschland lebt.
Vom Grab des heiligen Bonifatius in Fulda grüßen und segnen wir Sie.
Fulda, am Fest des heiligen Apostels Matthäus, dem 21. September 2004

