Initiative Neuevangelisation
Initiative Neuevangelisation in der katholisch-charismatischen Erneuerung
Inhalt
Hirtenbrief - Missionssonntag
Aktualisierung:
26.06.2005
1. Aufbruch im Umbruch

            "Wir sind Missionsland geworden". Diese Diagnose, die Alfred Delp
            schon 1941 hellsichtig in Fulda formuliert hat, ist inzwischen
            bittere Realität geworden, im Osten spürbarer noch als im Westen.
            Das Christentum ist zwischen Berlin und München, zwischen Köln und
            Dresden zwar kulturell weiterhin präsent, aber bei vielen nicht mehr
            im Herzen lebendig. Wir sind dabei, unser kostbarstes Erbe zu
            verschleudern: Gott zu kennen, wie Jesus Christus ihn uns bekannt
            gemacht hat. Das ist kein Grund zum Jammern, aber auch kein Anlass,
            selbstgenügsam einfach weiterzumachen. Schönreden hilft nicht,
            Schwarzmalen schon gar nicht. Die Lage ist durchaus nicht überall
            gleich. Vielerorts in der Welt ist die katholische Kirche eine
            jugendliche Aufbruchsbewegung. Wir leben in einer Zeit, in der sie
            erstmals wirklich Weltkirche wird. Gleichwohl, die Umbrüche und
            Einschnitte hierzulande gehen ins Mark, jede Gemeinde bekommt sie
            schmerzlich zu spüren. Am Grabe des heiligen Bonifatius versammelt
            und seines 1250. Todestages gedenkend haben wir ein Dokument zur
            Weltmission verabschiedet, das wir Ihrer Aufmerksamkeit sehr
            empfehlen. In diesem Brief möchten wir Ihnen gerafft und
            nachdrücklich unsere Mission heute ans Herz legen.
            Umbruchszeiten sind Gnadenzeiten. Sie bedeuten Abschied und
            Aufbruch, Trauerarbeit und Lust zur Innovation. Gott selbst ist es,
            der unsere Verhältnisse gründlich aufmischt, um uns auf Neuland zu
            locken wie Abraham, wie Mose, wie Bonifatius. Ja, wir haben eine
            Mission in unserem Land und weltweit. Darin sind wir unvertretbar.
            Haben wir doch mit dem Evangelium eine Botschaft, für die es in
            dieser Welt keine bessere Alternative gibt. Sie fordert uns heraus,
            selbst neu auf sie zu hören und sie in ihrer befreienden Kraft in
            das Gespräch mit unseren Zeitgenossen, mit den anderen Religionen
            und Völkern einzubringen. Wir sehen uns dadurch ermutigt, dass so
            viele von Ihnen ? Jugendliche und Ältere, Frauen und Männer ? die
            gegenwärtigen Veränderungen in Gesellschaft und Kirche als Chance
            begreifen, den Glauben tiefer zu entdecken und entschiedener zu
            leben. Mit Ihnen zusammen tragen wir Verantwortung, unserer Kirche
            eine Gestalt zu geben, in der das Evangelium aufleuchten und die
            Nachfolge Jesu in Freude und Zuversicht gelebt werden kann.

2. Evangelisierung der Kirche

            Mission? Wenn wir ehrlich sind, denken viele: "Ja, wir selbst werden
            schon noch katholisch bleiben. Aber andere für den Glauben gewinnen?
            Nein ? das sitzt heute einfach nicht mehr drin. Es gelingt uns ja
            oft in der eigenen Familie nicht, bei den Kindern oder Enkeln den
            Glauben wach zu halten." Und nicht nur junge Leute fügen hinzu: "Die
            Kirche ist selbst daran schuld, dass sich viele von ihr abwenden.
            Sie ist viel zu starr und festgelegt auf alte Verhaltensmuster."
            Wir sind gut beraten, wenn wir solche kritischen Stimmen nicht
            abwiegeln. Auch die haben uns etwas zu sagen, die der Kirche fern
            stehen. Manche von ihnen leiden bis heute an Wunden, die ihnen eine
            bisweilen angstbesetzte Seelsorge zugefügt haben. Wer das Christsein
            wie eine schwere Last mit sich herumschleppt, wird kaum jemanden
            davon überzeugen können, dass das Evangelium befreiend wirkt. Wir
            müssen ohne Wenn und Aber eingestehen, dass die Kirche in unseren
            Breiten wenig Faszination ausübt. Der Betrieb läuft - aber ohne
            Ausstrahlung! Die schleichende Säkularisierung von innen, die
            unbemerkt mit rastloser Arbeit einhergehen kann, geht an die
            Substanz und ist viel gefährlicher für den Glauben als der Verlust
            gesellschaftlicher Positionen. Sie raubt uns die Überzeugung, dass
            wir eine Mission haben, die Mission, das Evangelium vom Reiche
            Gottes unter die Leute zu bringen, Menschen für den Glauben an Jesus
            Christus zu begeistern.
            Was tun? Die schärfsten Anfechtungen kommen von innen, nicht von
            außen. Darum kann die Erneuerung nur von innen ausgehen. Manchmal
            sitzen wir an einem Problem und blicken nicht durch. Und auf einmal
            kommt die zündende Idee: "Da geht mir ein Licht auf!" Wenn das
            geschieht, dann erhellt sich unser Gesicht, wir strahlen. Wenn uns
            Christus als das Licht der Welt wirklich einleuchtet, dann strahlen
            wir aus: Menschen mit Ausstrahlung! So geschieht Mission. Sie
            geschieht nicht, indem wir Werbekolonnen anheuern oder Berge von
            Papier unters Volk bringen, im Letzten auch nicht über die Medien.
            Das Medium der Ausstrahlung Gottes sind wir selbst.
            Viele Zeitgenossen, gerade oft nachdenkliche und geistlich hungrige,
            suchen den Zugang zum christlichen Glauben. Es gibt ja nicht nur
            diejenigen, die sich der Kirche entfremden und schließlich ihren
            Austritt erklären. Nicht wenige fragen nach dem Eingang in den
            Glauben und in die Kirche. Wen treffen sie im Eingangsbereich?
            Leute, die mit dicken Akten von Sitzung zu Sitzung hasten, die
            Termin um Termin wahrnehmen und schließlich außer Terminen nichts
            mehr wahrnehmen, die alles gelernt haben, ? nur nicht, wie man ein
            geistlicher Mensch wird und wie man es bleibt?! Das aber ist die
            Voraussetzung unserer Mission. Also haben wir nicht nur zu
            evangelisieren, wir selbst sind gerufen, uns evangelisieren zu
            lassen. Missionarische Seelsorge bedeutet nicht, dass der Betrieb
            auf Hochtouren läuft. Sie lebt von der geistlichen Grundhaltung, von
            der Gegenwart Gottes mitten in unserem Leben. Die zündet.

3. Der Mission ein Gesicht geben

            Wir schreiben Ihnen diesen Brief vom Grab des heiligen Bonifatius,
            dem Apostel der Deutschen. 1250 Jahre sind seit seinem Tod
            vergangen. In einer Zeit tief greifender Umbrüche kam er aus dem
            Ausland zur Missionierung unseres Landes. Als Mönch hatte er sich
            das "Bete und arbeite" zu eigen gemacht. Seine Mission war geistlich
            gegründet. Ein Freund sagte nach seiner Ermordung: Er hat viele Orte
            betreten, die vor ihm noch kein Christenmensch betreten hatte. Wagen
            wir uns heute mit dem Evangelium in kirchenfremde Räume? Bonifatius
            arbeitete nicht auf eigene Faust. Er wirkte zusammen mit Frauen und
            Männern vor allem aus seiner englischen Heimatkirche, er suchte
            immer neu die Einheit mit dem Papst. Er hatte die Kraft und den Mut,
            die Geister seiner Zeit zu unterscheiden. Er wusste, dass nicht
            alles, was sich religiös nennt und gibt, den Verheißungen des
            Evangeliums standhält. Anfechtungen und Selbstzweifel sind ihm nicht
            erspart geblieben. Bonifatius ist eine Gründerfigur, die unser
            Schwanken zwischen Hoffen und Bangen, zwischen mutigem Aufbruch und
            resignativer Ermüdung aus eigener Erfahrung kennt und beispielhaft
            beantwortet hat.
            Das Geheimnis unserer Mission liegt in einem überzeugenden
            christlichen Lebens. Die Lebensgestaltung aus der Kraft des Geistes
            Gottes ist der nachhaltigste missionarische Dienst: Der
            Religionslehrer, der nicht nur vom Glauben redet, sondern ihn
            authentisch lebt; die Caritasmitarbeiterin, die der Liebe Christi
            ihr eigenes Gesicht gibt; die Eltern, die mit ihrem Kind abends an
            der Bettkante beten; die Familie, die ihren bettlägerigen Vater zu
            Hause pflegt; ? sie alle sind lebendiges Evangelium und strahlen
            aus. Unsere nichtchristlichen Zeitgenossen erwarten keine frommen
            Ansprachen. Sie sind der großen Worte müde. Gefragt ist ein
            glaubwürdiges, persönliches Wort von Mensch zu Mensch: Woraus lebe
            ich? Was lässt mich glauben und hoffen? Warum bin ich Christ, warum
            bleibe ich es? Dort, wo ein Christ jemanden in sein Leben, in sein
            Herz schauen lässt, da geschehen auch heute Wunder. Christen, die
            mitten im Lebensalltag geistliches Profil zeigen ? unaufdringlich,
            aber erkennbar; selbstbewusst, aber demütig - lassen auch heute
            aufhorchen. Wir dürfen dem Evangelium unser Gesicht geben. Sieht man
            uns an, dass der Weg des Glaubens das Leben nicht verdirbt und
            verkümmern lässt, sondern freisetzt und reich macht? Sind wir des
            Glaubens so froh, dass es uns drängt, ihn weiterzusagen ? wie wenn
            wir jemandem einen wichtigen Tipp zum Leben geben? Sind unsere
            Gemeinden Lernorte des Christwerdens?

4. Unsere Weltmission

            Jesu Botschaft vom Reich Gottes gilt allen Menschen. Die Kirche ist
            Instrument und Sakrament der Einheit aller Menschen mit Gott und
            untereinander (vgl. LG 1). Das ist ihr Auftrag und ihre Chance. Sie
            ist kein Nischenanbieter auf dem Markt religiöser Sinnangebote.
            Leider ist weithin der Eindruck entstanden, sie sei nur mehr eine
            Veranstaltung für Kirchenleute, ein Interessenverein, der verwaltet,
            was er hat und der im Wesentlichen um seine Selbsterhaltung bemüht
            ist. Das aber wäre ihr Tod. Wir dürfen unsere besten Kräfte und
            Hoffnungsenergien doch nicht in kircheninterne Strukturdebatten
            verpulvern. Sie wollen zur Welt kommen. Wir schulden der Welt das
            Evangelium vom Reich Gottes, nicht mehr und nicht weniger. Das ist
            unsere Welt-Mission.
            In unserer Gesellschaft ist Religion zur Privatsache geworden -
            leider! Das Evangelium ist kein beliebiger Diskussionsbeitrag,
            sondern Ruf in die Freiheit der Söhne und Töchter Gottes. Die Kunst
            des missionarischen Handelns besteht darin, von Herzen zum Glauben
            einzuladen und dabei nicht zu unterschlagen, dass es um Heil und
            Unheil geht, um die Zukunft der Welt. Müssen sich denn heute nur die
            rechtfertigen, die glauben? Welcher Schaden entsteht dort, wo man
            ohne Gott auszukommen meint? Man muss auch das "ohne Gott"
            verantworten, mit allen Konsequenzen für die Zukunft unserer
            Gesellschaft.
            Was wir in Deutschland Bonifatius und mit ihm vielen anderen
            verdanken, das geschieht heute weltweit. Der christliche Glaube hat
            das Gesicht der Welt verändert, und wir können gar nicht dankbar
            genug dafür sein. Wir dürfen in einer Zeit leben, in der Weltkirche
            wächst, nicht nur räumlich. Über Jahrhunderte hin sind
            Missionarinnen und Missionare aus Europa in alle Welt aufgebrochen.
            Das wird hoffentlich nicht abbrechen. Längst aber ist der
            missionarische Austausch wechselseitig. Wir in Europa haben viel von
            den Mitchristen und Ortskirchen anderer Kontinente und Völker zu
            lernen. Priester, Ordensschwestern und Laien von dort leben und
            arbeiten bei uns. Durch unsere Hilfswerke arbeiten Christen aller
            Erdteile wie selbstverständlich zusammen. Am Weltmissionssonntag
            heute danken wir vor allem unseren beiden Missionswerken in Aachen
            und München. "Missionarisch leben ? Begegnung wagen", so lautet das
            Leitwort dieses Sonntags. Wie viel ist da noch zu tun! Wie sehr
            bedarf es der gemeinsamen Anstrengung aller Ortskirchen und aller
            Christen, damit durch uns das Evangelium ausstrahlt zu denen, die es
            noch nicht oder nicht mehr kennen. Die Weltmission braucht nicht nur
            deutsche Kollektengelder ? die auch! ? sie braucht vor allem unseren
            überzeugenden Glauben und unser Gebet. Sie braucht die Erfahrung,
            dass die Kirche in Deutschland lebt.

            Vom Grab des heiligen Bonifatius in Fulda grüßen und segnen wir Sie.

            Fulda, am Fest des heiligen Apostels Matthäus, dem 21. September 2004           

© 2009 by Dr. Hansmartin Lochner letzte Aktualisierung der Webseite: 03.02.2012